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Chick Corea - Ein Nachruf

Im März war ein Konzert mit ihm bei uns geplant - nun ist der grosse Pianist verstorben. Er hat so viele Bewegungen im Jazz angestossen, hat auch uns bewegt, berührt und begeistert. Intendant Thomas Spieckermann erinnert an seinen letzten Auftritt im TAK-Programm vor zwei Jahren.  

Chick Corea (1941 - 2021)

Von Thomas Spieckermann

 

Als ich am Nachmittag seines Konzertes am TAK Theater Liechtenstein im November 2018 auf die Bühne des SAL kam, um Armando Anthony «Chick» Corea zu begrüssen, sass er bereits am Piano. Es war ein brandneues Konzertflügelmodell von Bösendorfer – eine Marke, die Chick Corea normalerweise nicht bespielt. Er sass an der Klaviatur des Flügels, probierte den Sound des Instrumentes aus und lächelte mich dabei breit und verschmitzt an. Er wolle diesen Flügel am Abend spielen, das ursprünglich bestellte Modell blieb in der Ecke stehen.

Während des Konzertes erzählte er dem anwesenden Publikum, wie er in seinem Elternhaus in Chelsea, Massachusetts aufgewachsen sei. Der Vater war Trompeter und Bandleader, mehrere seiner Brüder spielten ebenfalls Piano, er selbst habe es im Alter von vier Jahren erlernt. Zum Zeitvertreib habe er mit seinen Brüdern ein Spiel erfunden: das Portraitieren von Menschen durch die Musik mittels der Improvisation. Es sei ein Spass gewesen, seine Lehrer, seine Freunde oder beliebige Menschen auf der Strasse auf dem Klavier zum Leben zu erwecken, mal mit Ironie und Komik, mal mit tiefem Ernst versehen. Nach dieser Einführung bat Chick Corea Freiwillige auf die Bühne, liess sie neben dem Piano Platz nehmen und spielte den Zuschauern deren Portrait vor. Mir fielen dabei seine Augen auf, wach, agil, erwartungsfroh, schalkhaft, als er die Portraitierten beobachtete, wie sie zur Bühne kamen – schnell oder scheu –, wie sie sich setzten – offen oder verhalten – und wie sie mit ihm kommunizierten. Das war die pure Freude am Entdecken und am Spielen, die pure Freude an der Musik und das perfekte Vermögen, sich mit ihr auszudrücken. Er schaute dabei in die Seele der Menschen, die vor ihm sassen, als sei das das Einzige, das ihn wirklich interessiere – der Mensch selbst stand für ihn im Zentrum.

Chick Corea gehörte zu den wenigen Musikern, die es vermochten, ihrer Kunstform ganz neue Türen zu öffnen. Seine Karriere begann Ende der 60er Jahre. Als junger Musiker spielte er mit Legenden des Jazz, bis er selbst zu einer wurde. Miles Davis holte ihn in seine Band, mit der er epochemachende Aufnahmen einspielte (u.a. «Bitches Brew»). Er musizierte mit Herbie Hancock, Keith Jarrett, Pat Metheney, Bobby McFerrin und vielen anderen mehr. Er nahm Dutzende von Alben auf, war einer der Erfinder des Jazzrock und spielte mit gleicher Begeisterung klassische Musik. Er wurde fünfundsechzig Mal für den Grammy Award nominiert und gewann ihn dreiundzwanzig Mal, sein Album «Now he sings, now he sobs» wurde in die Grammy Hall of Fame aufgenommen. 1984 veröffentlichte er das Album «Children’s songs». Im Booklet schrieb Corea, er habe in der Musik dieser Kinderstücke Einfachheit in all ihrer Schönheit darstellen wollen. Im letzten Teil seines Konzertes am TAK Theater Liechtenstein spielte er einige dieser Songs.

Nach seinem Auftritt trafen wir uns in seiner Künstlergarderobe. Er hätte das Konzert am liebsten noch einmal gespielt, mit ein paar Variationen hier und dort. Er war zu dem Zeitpunkt siebenundsiebzig Jahre alt, und auch nach dem Konzert durchströmte ihn die ihm eigene Energie und Schaffensfreude, der Spass an der Musik und der Kunst. Er würde gerne wiederkommen, sagte er mir zum Abschied. So war es leicht, ihn für ein weiteres Konzert im März 2021 zu gewinnen. Er wollte wieder denselben Flügel spielen wie beim letzten Mal. Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Armando Anthony Corea starb nach kurzer schwerer Krankheit am 09.02.2021 in Tampa, Florida.

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