Schauspiel


Terror

Von Ferdinand von Schirach

Staatstheater Karlsruhe


Ferdinand von Schirach konstruiert in seinem ersten Theatertext nicht nur einen brisanten Gerichtsprozess, sondern auch eine hoch emotionale Situation für den Zuschauer. Auf der Bühne verhandelt wird der Fall Lars Koch. Der Kampfpilot wird beschuldigt, 164 Menschen ermordet zu haben, indem er eine voll besetzte Lufthansa-Maschine auf dem Weg von Berlin nach München abschoss. Er argumentiert jedoch, keine andere Wahl gehabt zu haben, da sich der Airbus in der Hand eines Terroristen befand, der damit drohte, das Flugzeug in die mit 70.000 Zuschauern vollbesetzte Münchner Allianz-Arena zu steuern. Die Entscheidung über diesen Fall legt von Schirach jeden Abend neu in die Hand des Publikums, das am Ende des Gerichtsdramas über Schuld oder Unschuld Kochs zu befinden hat. Darf Leben gegen Leben, gleich welcher Zahl, abgewogen werden?  

Dürfen wir unsere Grundrechte aufweichen, um uns in Sicherheit zu wiegen? Was folgt auf den Wahn der Terroristen? Ferdinand von Schirach hat ein Stück geschrieben, dessen moralisches Dilemma keinen Zuschauer unbeteiligt lässt.  

Der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren. Er arbeitet in Berlin als Anwalt und Strafverteidiger. Zu seinen Mandanten gehörten das frühere Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, der ehemalige BND-Spion Norbert Juretzko, Industrielle, Prominente und Angehörige der Unterwelt. Seit er 2009 seinen Debütband «Verbrechen» veröffentlichte, gehört er zu den weltweit meistverkauften Autoren deutscher Sprache. Der SPIEGEL nannte Ferdinand von Schirach einen «grossartigen Erzähler», die NEW YORK TIMES einen «aussergewöhnlichen Stilisten» und die LIBÉRATION erklärte, seine «Meisterleistung ist, uns zu zeigen, dass – egal wie monströs dessen Taten zunächst scheinen mögen – ein Mensch doch immer ein Mensch ist».
Regie: Martin Schulze
Bühne & Kostüme: Pia Maria Mackert

Vorsitzender: Gunnar Schmidt
Lars Koch, Angeklagter: Heisam Abbas
Biegler Verteidiger: Klaus Cofalka-Adami
Nelson, Staatsanwältin: Sithembile Menck
Christian Lauterbach: Sebastian Reiß, André Wagner
Franziska Meiser: Antonia Mohr
Abstimmungshelferinnen & -helfer: Statisterie des Staatstheaters

Regie: Martin Schulze
Bühne & Kostüme: Pia Maria Mackert
Licht: Joachim Grüssinger
Dramaturgie: Axel Preuß
Theaterpädagogik: Verena Lany
SWR, Julian Burmeister, 30.09.2016
Der SWR berichtete über die Premiere von Terror und die angeregten Diskussionen beim Nachgespräch. Den Beitrag zum Nachhören finden Sie hier.

BNN, Andreas Jüttner, 01.10.2016
So fragwürdig wie erhellendErfolgsstück „Terror“ bietet auch in Karlsruhe viel Stoff für Diskussionen Seit knapp einem Jahr nimmt Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ die Theaterbühnen in Beschlag, nun auch am Staatstheater Karlsruhe. Doch auch nach insgesamt knapp 400 Aufführungen an 39 Theatern und kurz vor der TV-Ausstrahlung im Ersten (am 17. Oktober) ist auf spannende Weise unklar, was genau dieses Stück nun eigentlich ist. Zunächst die Fakten: Gezeigt wird eine Gerichtsverhandlung gegen einen Major der Luftwaffe. Er ist des 164-fachen Mordes angeklagt: So viele Menschen hat er getötet durch den Abschuss eines Passagierflugzeugs, das ein Terrorist auf ein mit 70 000 Menschen besetztes Fußballstadion abstürzen lassen wollte ...Am Ende stimmt das Publikum über Schuld- oder Freispruch ab. Dabei geht es nicht um seine Täterschaft (die ja feststeht), sondern um die Frage, „ob der Angeklagte gegen die Bindungen, die ihm das Bundesverfassungsgericht und die Verfassung auferlegt hat, verstoßen durfte“. ... Der Autor selbst betont, er wolle vermitteln, wie unabdingbar das Festhalten an gemeinsamen Grundwerten für ein humanes Zusammenleben ist – auch wenn dies in Extremsituationen dem gern bemühten „gesunden Menschenverstand“ zu widersprechen scheint. Andererseits lädt sein Stück das Publikum geradezu dazu ein, sich für das Gegenteil zu entscheiden. Denn wenn der tragische Gewissenskonflikt eines Menschen gegen ein abstrakt wirkendes Prinzip abzuwägen ist – zumal auf dem Theater –, dann liegt es nahe, sich für den Menschen zu entscheiden. Darauf deuten auch die Abstimmungsergebnisse hin, die auf der Homepage terror.theater des zuständigen Bühnenverlags gesammelt werden: Bis gestern stimmten von den 144 434 „Schöffen“ aller Aufführungen 59,9 Prozent für Freispruch. Zynisch könnte man konstatieren: Die zahlreichen Aufführungen machen „Terror“ zu einem großflächigen Experiment über die Bereitschaft der Bevölkerung, zugunsten eines „wehrhaften“ Staates elementare Grundrechte beschneiden zu lassen. „Das wirft Fragen an unsere Gesellschaft auf“, befand Martin Schulze, Regisseur der Karlsruher Aufführung im Publikumsgespräch nach seiner Premiere. Deren Ergebnis stellte sich allerdings mit 170 Stimmen für „Schuldig“ und 153 für „Nicht schuldig“ gegen den Trend. Das mag daran liegen, dass es in Karlsruhe wohl auch im Theaterpublikum relativ viele Juristen gibt, die dem Verteidiger nicht auf den Leim gehen, wenn er aus seinem Satz „Kein Prinzip der Welt kann wichtiger sein, als 70 000 Menschen zu retten“ ableitet, dass Staatsdiener auf eigene Faust über Tod und Leben entscheiden dürfen. Es dürfte aber auch an der Inszenierung von Martin Schulze liegen, die durch nuancenreiche Darstellung der Oberfläche des Stücks entgegenwirkt. So genügt Antonia Mohr als Witwe ein kurzes Verstummen während ihrer Aussage, um ihren Verlustschmerz zu vermitteln. Das lenkt den Fokus vom Leid, dass der Angeklagte mutmaßlich verhindert hat (da die Passagiere das Cockpit zu stürmen versuchten, hätten sie möglicherweise auch selbst den Absturz verhindern können) auf jenes Leid, das sein Entschluss verursacht hat. Dass der Angeklagte (Heisam Abbas) in der Vernehmung recht ungerührt wirkt, mag ebenso zur Haltung der Premierenbesucher beigetragen haben wie die empathische Darstellung, mit der Simthembile Menck die Staatsanwältin frei von oberlehrerhafter Prinzipienreiterei hält, während Klaus Cofalka-Adami den Verteidiger mit abfällig-aggressivem Tonfall gibt und dessen Argumentation, die Welt sei „kein Seminar für Rechtsstudenten“, als Populismus kenntlich macht. Die so gezeigte Manipulationskraft von Schauspielkunst vermittelte auch, auf welch dünnem Eis ein Stück wandelt, in dem der Richter (Gunnar Schmidt) von einem Theaterpublikum allen Ernstes verlangt, es solle sich „weder von Sympathie noch von Antipathie leiten“ lassen – und auf welch noch dünneres Eis „direkte Demokratie“ bei derart elementaren Entscheidungen wohl führen würde.

Termine


Einführung um 19:20 Uhr

Einführung um 19:20 Uhr

CHF 45, 40, erm. 10

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